Tocotronic

Tocotronic sind ein nicht wegzudenkender Teil der Kulturlandschaft Deutschlands. Und mit ihrem letzten Album "Schall und Wahn" (2010) waren sie endlich auch in den Charts dort, wo sie hingehören: auf Platz eins.

17 Jahre und neun Studioalben hat es gedauert, bis Tocotronic an jenem Gipfel angekommen sind. Doch wir haben es hier nicht mit so einer klassischen Aufstieg-aus-dem-Nichts-Geschichte zu tun. Das Debüt "Digital ist besser" aus dem Jahr 1995 war, was die Engländer einen "instant classic" nennen (und hat es dementsprechend schon auf so manche Liste der besten deutschen Platten aller Zeiten geschafft). Es war eine von diesen Platten, die Leben verändern - so ungestüm und doch durchdacht klang sie. Eine Platte, deren Slogans wie "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein", "Samstag ist Selbstmord", "Jungs, hier kommt der Masterplan" oder "Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk" sich bis heute in Gespräche und in Überschriften einschleichen - die F.A.Z. betitelte eine Zeit lang ihren kompletten Stilteil mit Tocotronic-Zitaten. Das Gespür für den guten Slogan ist eine der Konstanten des gesamten Werks der Band: "Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut", "Wir sind raus, und wir sind stolz darauf", "Eins zu eins ist jetzt vorbei", "Aber hier leben, nein danke" sind weitere Beispiele.

In den ersten Jahren waren Toctronic eindeutig vom amerikanischen Indie-Rock beeinflusst - ganz am Anfang wurden sie sogar mit Etiketten wie "Post-Grunge" oder "Slacker" beklebt. Doch die damals drei Musiker (Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank) waren besonders darauf bedacht, Werte wie einen Do-it-Yourself-Ansatz, vorbildliche Höflichkeit der Bühnenansagen oder eine starke Sympathie für feministische Anliegen unter die Leute zu bringen. Das macht bis heute das Publikum ihrer Konzerte zu einem besonders angenehmen. Mit ihren Trainingsjacken, Cordhosen, Seitenscheiteln und engen Second-Hand-Werbe-T-Shirts waren die Tocotronic der frühen Jahren zudem auch ausgesprochen stilprägend.

Spätestens 1999, mit dem Album "K.O.O.K.", befreiten sich Tocotronic von dem als zu eng geworden empfundenen Indie-Kostüm. Inhaltlich nahmen sie Abstand von den allzu klaren Einladungen zur Identifikation und Abgrenzung, die Texte wurden assoziativer und verrätselter, gewannen aber eine neue Schönheit hinzu. Und dass es zu "K.O.O.K." ein Remixalbum gab, in dem renommierte Musiker aus dem elektronischen Bereich die Songs bearbeiteten, ist auch kein Zufall. Mit dem 2002 folgenden "weißen" Album wurde dann großer Pop geschaffen, der neue Hörerkreise erschloss, die mit den charmanten Dilettanten von einst nichts hätten anfangen mögen.

Seither sind Tocotronic zu viert, Rick McPhail fügte den augenzwinkernd als "Berlin-Trilogie" bezeichneten Alben "Pure Vernunft darf niemals siegen", "Kapitulation" und "Schall und Wahn" eine subtile neue Dimension im Gitarrenklang hinzu. Mit diesen Platten haben Tocotronic sich endgültig als fast unangreifbar etabliert, als eine Band, deren Werk mit großem Ernst in den Feuilletons diskutiert wird, die ihren Fans aber mit ihrem oft unterschätzten Humor viel zu lachen gibt. Ein Interview mit dem "Lustige Taschenbücher"-Magazin wird von Tocotronic nämlich ebenso leidenschaftlich angegangen wie ein 13-Seiten Feature in einer Musikzeitschrift, oder Fragen der Style-Blogger Les Mads. Tocotronic sind seit über 17 Jahren in jeder Hinsicht stilprägend. Als Style-Ikonen wie als brilliante Songwriter geniessen sie mittlerweile den Status von "elder statesmen" , obwohl ihre Herzen stets wild und junggeblieben sind. Musik und Texte sind in den Rang von Klassikern erhoben und ihre Slogans sprichwörtlich geworden. Keine deutsche Band versteht es zudem einen cinemascopehaften Sound wie Tocotronic zu erzeugen, immer zwischen Avantgarde und Popkultur pendelnd, mit einer Sogwirkung, die immer aufs neue überwältigen kann.

Tocotronic - Digital ist Besser

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