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15 JAHRE BUBACK
BUBACK Q.E.D

BUBACK /EFA
VÖ: 15.11.2002

EFA
   


 15 Jahre Buback: Wo ist die Party?

"Die Stereomusik war an, und man hatte das Gefühl, daß sich die Goloß des Sängers von einem Ende der Bar zum anderen bewegte, zur Decke hinaufflog und dann wieder herabstieß und von Wand zu Wand flatterte. Es war Berti Laski, der eine begräbnisreife Nummer mit dem Titel "Du ziehst Blasen auf meiner Farbe" krächzte. Eine von den drei Titsas an der Theke, die mit der grünen Perücke, zog im Takt mit dem, was sie Musik nannten, ihren Bauch ein und stieß ihn wieder raus. Ich konnte fühlen wie die Messer in der alten Moloko zu pieken anfingen, und nun war ich bereit für ein bißchen Zwanzig-gegen-einen. Also japste ich: "Raus, raus, raus!" wie ein Hund,..."

Anthony Burgess, "Clockwork Orange", 1962

Zwanzig-gegen-einen. Und dieses unbestimmte Gefühl, genau in diesem Augenblick raus zu müssen. Ein DJ und 19 Lieder wie junge Hunde. Natürlich gibt es einen Grund zu feiern und damit einen Grund für diese CD. Dennoch wirken Jubiläum und Zusammenstellung zunächst etwas willkürlich. Warum ausgerechnet zum 15.? Warum fehlt dieser oder jener Künstler? Und wo ist eigentlich die Party?

Ohne es zu beabsichtigen leistet der Mix das Unmögliche und führt zusammen, was nicht zusammengehört. Er zeigt eine ungeduldige Gegenkultur, die sich mehr in ihrer Haltung als ihren jeweiligen Genre verbunden fühlt. Gemeinsam ist ihnen vor allem die drängende Unzufriedenheit mit den Herrschenden/Verhältnissen; und das ist der wahre Evergreen dieser Runde.

Der lange Atem der Atemlosen
Die Traditionsadresse unter den hanseatischen Tonträgerhäusern agiert als Wandler zwischen den Welten; bei Buback wird nunmehr seit 15 Jahren im Spannungsfeld des Namens flaniert, marschiert und gelegentlich auch getänzelt. Gegründet in einer Punk-WG, "mit dem Gegenteil eines Business-Plans", war das Label von Anbeginn nicht darauf ausgerichtet, programmatisch zu arbeiten. Bis heute stehen die Macher andächtig vor einem "Scheiss Gemischtwarenladen" (Originalzitat), der nur durch persönliche Vorlieben, merkwürdige Zufälle und seltsame Freundschaften zu dem geworden ist, was heute so urgewaltig wirken mag.
Zu den ersten Veröffentlichungen aus dem Punk-Umfeld gesellten sich schnell Ausreisser, die schliesslich das Programm von Buback prägen sollten. Mit der Veröffentlichung einer der ersten deutschen HipHop-Compilations, "Kill The Nation With A Groove", empfahl sich das Label dem Nachwuchs - offensichtlich mit Nachdruck. Die damals noch heranwachsenden Absoluten Beginner veröffentlichen beispielsweise bis zum heutigen Tag auf Buback. Nicht zuletzt veredelte die strategische Partnerschaft mit einem Major ihre Erfolge in Gold.
Trotz HH-HipHop-Hype ließen sich Buback nicht zur Rap-Schmiede stilisieren. Das Programm bleibt unberechenbar. So ist diese Jubiläums-CD ein verdammt seltsames Hörerlebnis mit der verbundenen Erkenntnis, dass so manche Wahrheit Bestand zeigt - zum Glück und zum Unglück, heute wie morgen. Q.E.D.
Raus, raus, raus
Als Freund des Hauses serviert DJ DSL die erlesenen Preziosen aus dem Buback-Backcatalog. Mehrfach dekoriert und in diversen Polls zum beliebtesten Plattendreher des Kontinents gekürt, hat sich der Wahlhamburger in jahrelanger Kleinarbeit den Beinamen "Both Hands of God" erarbeitet. Für das "Buback Intro" bringt Wiens Feinster den Originalton der Maximum HipHop Tage 01 zum Swingen. Die Alte Schule klingt in diesem Zusammenhang zwar immer noch ur-amerikanisch, reicht aber wesentlich weiter zurück als bis zur ersten Block-Party: In Anlehnung an Glenn Millers Big Band-Standart "Tuxedo Junction" tröten die Worte "Buback, Buback, Buhhhback" zum furiosen Start. Weiter geht's ohne Atempause, richtig ankommen will hier ohnehin niemand. Das reguläre Set eröffnet mit einer kleinen Absonderlichkeit - die bisher einzige Aufnahme eines Engländers auf Buback; in der Art seines umtriebigen Landsmannes Blade zeigt Blue Eyes mit einer einmaligen EP und trotzigem Rhymes, wie man der amerikanischen Rap-Übermacht die Zähne zeigt. Dieser frühe, sehr rauhe Entwurf von UK-HipHop nannte sich mit gutem Recht Britcore und diente vor allem der ersten Generation norddeutscher MCs als Vorbild - wie es im Anschluss die furiosen Readykill aus Hamburg-Altona noch mal in aller Härte bestätigen können . Jaha, das waren noch Zeiten.

Neben HipHop wollte Buback dem lokalen Reggae und speziell Dub ein Forum bieten. Während HipHop kurzzeitig als eine andere Form von Punk gehandelt wurde, war Reggae seit Anbeginn ein treuer Weggefährte der Lumpenbrigade - auch hier zählte Haltung mehr als Genre. Hamburger Reggae-Aktivisten der ersten Stunde veröffentlichten ihre Debüts auf Buback, unter ihnen auch Leistungsträger wie Pensi und Andreas, die als Ire HiFi einen aktuellen, zeitlosen Tune zu dieser Compilation beisteuern. Die Soundästhetik zeigt wieder eine starke Bindung zu Großbritannien, der zweiten Insel des Reggae und Heimat des so genannten Neo-Dub. Der Absolute Beginner Jan Delay geht im Team mit dem Hamburger Ausnahme-Soundsytem Sillywalks noch einen kleinen Schritt weiter in dieselbe Richtung - bei ihnen beginnen die stilistischen Grenzen zu verschwinden, Inseln verschmelzen - was übrigbleibt, wird den "Soundhaudegen" mehr als gerecht.
Wem die Verbindung von Jan Delays edel näselnden Reimen mit den schwer steppenden Sounds von Sillywalks noch nicht Kultur-Clash genug ist, dem seien Les Robespierres mit Sixties orientiertem Beat und portugiesischem Gesang empfohlen. Neben den verbandelten Goldenen Zitronen gehören diese schamlosen Revisionisten zum traditionellen, explizit politischen Arm von Buback. Trotz des gemeinsamem Anliegen und gewissen personellen Überschneidungen gehen beide Bands sehr unterschiedlich zu Werke. Les Robespierres preschen munter durch einen dreckigen Hit, dessen Eröffnung sich mit etwas Mühe zu "Wie hier die Show abgeht!" umdeuten lässt; die Zitronen lästern derweilen elektronisch quengelig über "www-dot-com-Popper aus den Mitten der neuen Stadt" - gerade in unmittelbarer Folge eröffnen sich der traditionell lustfeindlichen Linke mit beiden Hits ungeahnte Möglichkeiten der gepflegten Abfahrt. Hey, war nur ein Scherz...
Die aktuelle Generation im HipHop zeigt sich resistent gegen die alte Verlockungen ihrer Kultur - ein Duo wie Fiva MC & DJ Radrum aus München zeigt, dass man ohne Sexismen und Goldrausch anspruchsvolle, im besten Sinne des Wortes als "Ego-Rap" zu bezeichnende Musik machen kann. Mit poetischer Feinfühligkeit lotet Fiva MC seelische Untiefen aus und macht dabei ihr Herz zur saubersten Klärgrube diesseits der Dünnsäure-Verklappung. Ehrlichkeit, das neue Ding? Wohl kaum. Sich zu offenbaren und zu erklären, ist, im Gegensatz zur puren Selbstdarstellung, eine der rühmlicheren Facetten des Rap. So zeigt Denyo einen ähnlichen Hang zur autobiographisch geprägten Substanz. Im bezeichnend selbstreferentiellen Titel "Debut" verrät er viel von seinen Unsicherheiten als Künstler, verordnet sich aber gleichzeitig als jemand mit Prinzipien und landet eben bei aller Intimität nicht im Tal der Tränen. Dem gegenüber schildern die Kollegen von Dynamite Deluxe in einer typischen "Back in the Days"-Story detailliert, wie ihr Weg von der Schulbank in die erste Reihe des HipHop führte. Das waren noch Zeiten. Mitnichten waren sie besser, wovon hier wie auch auf der epochalen "Kill The Nation" Compilation keiner ein besseres Lied zu singen weiß als 2obias. Tobias Gruben schilderte 1993 ein Viertel an der Grenze der Kapitulation. Der besonders eindringliche, vermeintlich zynische Hörspiel-Rap bekam erst durch Tobias' tragischen Tod, vier Jahre später, den boshaften Schlusspunkt. Unerreicht und schmerzlich vermisst.

Bei Buback wird Musik nicht verwaltet, die Macher des Labels waren in der Vergangenheit oft genug in musikalischen Projekten involviert. Weil sich niemand gern selbst promotet, erschienen ihre Werke zumeist bei anderen Labels. Mit den Beiträgen von Naked Navy und Fox Force 5 bietet sich hier die Chance, zwei von ihnen bei ihrem Treiben zuzuhören. Die zehnköpfige Formation Naked Navy bieten eine leicht aufgekratzte Variante von Easy Funk, geeignet für alle Gelegenheiten zwischen Tanztee, Beat-Fest und Buddel-Party. Fox Force 5 reiten auf Surfgitarren mit viel Tremolo durch eins dieser Instrumentals, die kein Ende finden müssten. So was wird heute noch hergestellt.

Kein Jubiläum ohne den Hit, der die seltsamsten Türen aufstiess: Ein alter Nena-Schlager im neuen Gewand bescherte Jan Delay einen Top 5-Hit. Gespenstische Dinge nahmen ihren Lauf, die später zum spektakulären Rache-Hit "Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt" führten. Sein Debüt hat schliesslich Roots-Reggae in Deutschland einer neuen, gerade noch heranwachsenden Klientel nahegebracht. Da mag es passend erscheinen, dass der feine Selector im Anschluss mit Di Iries ein seit Urzeiten funkelndes Beispiel von Hamburger "Roots & Culture" gefunden hat.

Zum Schluß darf es noch etwas bizarrer werden. Die Stars waren in der Prähistorie so etwas wie eine "Supergroup", bestehend aus Mitgliedern die später in allen unmöglichen Bands spielten, u.a. Goldene Zitronen und Die Sterne. In diesem Beispiel klingen Die Stars wie eine Band, die zu viele Mitternachts-Filme gesehen hat und einen unstillbaren Hunger nach grossen Gesten verspürt - psychedelisch vermauschelt mit dunklen Untertönen und viel Pathos. Eher dem Dada verschrieben, darf sich dafür Adolf Noise, der Mr.Hyde von DJ Koze, minimalistisch durch "regelrechte Schweine-Reime" witzeln. Käme dieser ultimativer Diss-Track einem Abschied vom HipHop gleich, wäre der darauf folgende knapp 6minütige Posse-Track ein Weckruf. Im Team mit Dendemann, Das Bo, Ferris, Falk, Samy Deluxe und Illo 77 zähmen die Absoluten Beginner ein Monster von Beat und läuten das Ende dieser Compilation ein - wie heisst es hier nicht so schön: "ich bin draussen - wie ein Milchzahn, wie ein Picknick, wie auf Bewährung, wie Rabauke bei Fettes Brot, wie ein Blindarm, wie Mutter Natur,
wie ein Dixie-Klo - ich bin draussen, weil ich nicht weiss, was ich hier allein soll."

Das sind schöne Schlussworte, und im Epilog verbreiten die Neulinge Blainbieter aus Berlin noch etwas märchenhaften Charme. So kann es weitergehen: Raus, raus, raus. Auf die nächsten 15 Jahre - was zu beweisen wäre.

Lars Brinkmann Captions - Sinn & Unsinn
-Typo-Dekor & Textfutter für Andrea / Jutta / ...


 

(Zahlen dienen nur der Orientierung)

01 / "Buback, Buback, Buhhhback"
02 / "I'm doin it."
03 / "Kill, kill, kill."
04 / ???
05 / "Live und direkt aus der Schanze." / "Zwei 1210er und n' Mischpult als Steuerknüpel."
06 / "Uh, oh yeah, huhuhu, hey, hey, go, go, go." / "Netzpiloten, Webmatrosen, Loftchaoten, solide Vollnarkosen." / "Ohhh, yeah, yes, yes, yes,...
07 / "Die Sätze, zu durchtrieben"
08 / "Ich scheiss auf E-Commerce und digitale Bootlegs" /"Sag es jetzt."
09 / "Ich machte nur den Dicken."
10 / "Lebt der noch?" / "Auch wenn sie darauf scheissen."
11 / "Oh na-na-na, yes yaw." / "Zart wie Pudelfleisch."
12 / "Huhhh, no-no, oh no." / "Sunlight in your Hair."
13 / "Aaaaaaaaaaaaaaah"
14 / "Oh, what a Reim." / "Meine Eltern haben keine Ahnung von HipHop." / "Siehste."
15 / "Ich bin gerade schiessen." / "Ich mach mich mal locker." / "Schnellen Sex für ein zwei Raps." / "Wen kann ich noch kaputt machen?" / "Von wegen Scratch-Beats faseln." / "Ihr seid Schuld."
"Kennt ihr den schon?" / "Zu arm um Gesellschaft zu leisten." / "Ich bin Mongo und kein Model."
16 / "Let's get it on."

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