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Jahre Buback: Wo ist die Party?
"Die Stereomusik war an, und man hatte
das Gefühl, daß sich die Goloß des Sängers
von einem Ende der Bar zum anderen bewegte, zur Decke hinaufflog
und dann wieder herabstieß und von Wand zu Wand flatterte.
Es war Berti Laski, der eine begräbnisreife Nummer mit dem
Titel "Du ziehst Blasen auf meiner Farbe" krächzte.
Eine von den drei Titsas an der Theke, die mit der grünen Perücke,
zog im Takt mit dem, was sie Musik nannten, ihren Bauch ein und
stieß ihn wieder raus. Ich konnte fühlen wie die Messer
in der alten Moloko zu pieken anfingen, und nun war ich bereit für
ein bißchen Zwanzig-gegen-einen. Also japste ich: "Raus,
raus, raus!" wie ein Hund,..."
Anthony Burgess, "Clockwork Orange",
1962
Zwanzig-gegen-einen. Und dieses
unbestimmte Gefühl, genau in diesem Augenblick raus zu müssen.
Ein DJ und 19 Lieder wie junge Hunde. Natürlich gibt es einen
Grund zu feiern und damit einen Grund für diese CD. Dennoch
wirken Jubiläum und Zusammenstellung zunächst etwas willkürlich.
Warum ausgerechnet zum 15.? Warum fehlt dieser oder jener Künstler?
Und wo ist eigentlich die Party?
Ohne es zu beabsichtigen leistet der Mix das
Unmögliche und führt zusammen, was nicht zusammengehört.
Er zeigt eine ungeduldige Gegenkultur, die sich mehr in ihrer Haltung
als ihren jeweiligen Genre verbunden fühlt. Gemeinsam ist ihnen
vor allem die drängende Unzufriedenheit mit den Herrschenden/Verhältnissen;
und das ist der wahre Evergreen dieser Runde.
Der lange Atem der Atemlosen
Die Traditionsadresse unter den hanseatischen Tonträgerhäusern
agiert als Wandler zwischen den Welten; bei Buback wird nunmehr
seit 15 Jahren im Spannungsfeld des Namens flaniert, marschiert
und gelegentlich auch getänzelt. Gegründet in einer Punk-WG,
"mit dem Gegenteil eines Business-Plans", war das Label
von Anbeginn nicht darauf ausgerichtet, programmatisch zu arbeiten.
Bis heute stehen die Macher andächtig vor
einem "Scheiss Gemischtwarenladen" (Originalzitat),
der nur durch persönliche Vorlieben, merkwürdige Zufälle
und seltsame Freundschaften zu dem geworden ist, was heute so urgewaltig
wirken mag.
Zu den ersten Veröffentlichungen aus dem Punk-Umfeld gesellten
sich schnell Ausreisser, die schliesslich das Programm von Buback
prägen sollten. Mit der Veröffentlichung einer
der ersten deutschen HipHop-Compilations, "Kill The Nation
With A Groove", empfahl sich das Label dem Nachwuchs
- offensichtlich mit Nachdruck. Die damals noch heranwachsenden
Absoluten Beginner veröffentlichen beispielsweise bis zum heutigen
Tag auf Buback. Nicht zuletzt veredelte die strategische Partnerschaft
mit einem Major ihre Erfolge in Gold.
Trotz HH-HipHop-Hype ließen sich Buback nicht zur Rap-Schmiede
stilisieren. Das Programm bleibt unberechenbar. So
ist diese Jubiläums-CD ein verdammt seltsames Hörerlebnis
mit der verbundenen Erkenntnis, dass so manche Wahrheit Bestand
zeigt - zum Glück und zum Unglück, heute wie morgen. Q.E.D.
Raus, raus, raus
Als Freund des Hauses serviert die erlesenen Preziosen aus dem Buback-Backcatalog.
Mehrfach dekoriert und in diversen Polls zum beliebtesten Plattendreher
des Kontinents gekürt, hat sich der Wahlhamburger in jahrelanger
Kleinarbeit den Beinamen "Both Hands of God" erarbeitet.
Für das "Buback Intro" bringt Wiens Feinster den
Originalton der Maximum HipHop Tage 01 zum Swingen. Die Alte Schule
klingt in diesem Zusammenhang zwar immer noch ur-amerikanisch, reicht
aber wesentlich weiter zurück als bis zur ersten Block-Party:
In Anlehnung an Glenn Millers Big Band-Standart "Tuxedo Junction"
tröten die Worte "Buback, Buback, Buhhhback" zum
furiosen Start. Weiter geht's ohne Atempause, richtig ankommen will
hier ohnehin niemand. Das reguläre Set eröffnet mit einer
kleinen Absonderlichkeit - die bisher einzige Aufnahme eines Engländers
auf Buback; in der Art seines umtriebigen Landsmannes Blade zeigt
mit einer einmaligen EP
und trotzigem Rhymes, wie man der amerikanischen Rap-Übermacht
die Zähne zeigt. Dieser frühe, sehr rauhe Entwurf von
UK-HipHop nannte sich mit gutem Recht Britcore und diente vor allem
der ersten Generation norddeutscher MCs als Vorbild - wie es im
Anschluss die furiosen aus
Hamburg-Altona noch mal in aller Härte bestätigen können
. Jaha, das waren noch Zeiten.
Neben HipHop wollte Buback dem lokalen
Reggae und speziell Dub ein Forum bieten. Während HipHop
kurzzeitig als eine andere Form von Punk gehandelt wurde, war Reggae
seit Anbeginn ein treuer Weggefährte
der Lumpenbrigade - auch hier zählte Haltung mehr als
Genre. Hamburger Reggae-Aktivisten der ersten Stunde veröffentlichten
ihre Debüts auf Buback, unter ihnen auch Leistungsträger
wie Pensi und Andreas, die als
einen aktuellen, zeitlosen Tune zu dieser Compilation beisteuern.
Die Soundästhetik zeigt wieder eine starke Bindung zu Großbritannien,
der zweiten Insel des Reggae und Heimat des so genannten Neo-Dub.
Der Absolute Beginner Jan Delay geht im Team mit dem Hamburger Ausnahme-Soundsytem
noch einen kleinen Schritt
weiter in dieselbe Richtung - bei ihnen beginnen die stilistischen
Grenzen zu verschwinden, Inseln verschmelzen - was übrigbleibt,
wird den "Soundhaudegen" mehr als gerecht.
Wem die Verbindung von Jan Delays edel näselnden Reimen mit
den schwer steppenden Sounds von Sillywalks noch nicht Kultur-Clash
genug ist, dem seien Les Robespierres mit Sixties orientiertem
Beat und portugiesischem Gesang empfohlen. Neben den verbandelten
gehören diese
schamlosen Revisionisten zum traditionellen, explizit politischen
Arm von Buback. Trotz des gemeinsamem
Anliegen und gewissen personellen Überschneidungen gehen beide
Bands sehr unterschiedlich zu Werke. Les Robespierres preschen
munter durch einen dreckigen Hit, dessen Eröffnung sich mit
etwas Mühe zu "Wie hier die Show abgeht!" umdeuten
lässt; die Zitronen lästern derweilen elektronisch quengelig
über "www-dot-com-Popper aus
den Mitten der neuen Stadt" - gerade in unmittelbarer
Folge eröffnen sich der traditionell lustfeindlichen Linke
mit beiden Hits ungeahnte Möglichkeiten der gepflegten Abfahrt.
Hey, war nur ein Scherz...
Die aktuelle Generation im HipHop zeigt sich resistent gegen die
alte Verlockungen ihrer Kultur - ein Duo wie aus München zeigt, dass man ohne Sexismen
und Goldrausch anspruchsvolle, im besten
Sinne des Wortes als "Ego-Rap" zu bezeichnende Musik
machen kann. Mit poetischer Feinfühligkeit lotet Fiva MC seelische
Untiefen aus und macht dabei ihr Herz zur saubersten Klärgrube
diesseits der Dünnsäure-Verklappung. Ehrlichkeit, das
neue Ding? Wohl kaum. Sich zu offenbaren und zu erklären, ist,
im Gegensatz zur puren Selbstdarstellung, eine der rühmlicheren
Facetten des Rap. So zeigt einen
ähnlichen Hang zur autobiographisch geprägten Substanz.
Im bezeichnend selbstreferentiellen Titel "Debut" verrät
er viel von seinen Unsicherheiten als Künstler, verordnet sich
aber gleichzeitig als jemand mit Prinzipien und landet eben bei
aller Intimität nicht im Tal der Tränen. Dem gegenüber
schildern die Kollegen von
in einer typischen "Back in the Days"-Story
detailliert, wie ihr Weg von der Schulbank in die erste Reihe des
HipHop führte. Das waren noch Zeiten. Mitnichten waren sie
besser, wovon hier wie auch auf der epochalen "Kill The Nation"
Compilation keiner ein besseres Lied zu singen weiß als .
Tobias Gruben schilderte 1993 ein Viertel an der Grenze der Kapitulation.
Der besonders eindringliche, vermeintlich zynische
Hörspiel-Rap bekam erst durch Tobias' tragischen Tod,
vier Jahre später, den boshaften Schlusspunkt. Unerreicht und
schmerzlich vermisst.
Bei Buback wird Musik nicht verwaltet,
die Macher des Labels waren in der Vergangenheit oft genug in musikalischen
Projekten involviert. Weil sich niemand gern selbst promotet,
erschienen ihre Werke zumeist bei anderen Labels. Mit den Beiträgen
von Naked Navy und Fox Force 5 bietet sich hier die
Chance, zwei von ihnen bei ihrem Treiben zuzuhören. Die zehnköpfige
Formation Naked Navy bieten eine leicht aufgekratzte Variante von
Easy Funk, geeignet für alle Gelegenheiten zwischen Tanztee,
Beat-Fest und Buddel-Party. Fox Force 5 reiten auf Surfgitarren
mit viel Tremolo durch eins dieser Instrumentals, die kein Ende
finden müssten. So was wird heute noch hergestellt.
Kein Jubiläum ohne den Hit, der
die seltsamsten Türen aufstiess: Ein alter Nena-Schlager
im neuen Gewand bescherte
einen Top 5-Hit. Gespenstische Dinge nahmen ihren Lauf, die später
zum spektakulären Rache-Hit "Ich möchte nicht, dass
ihr meine Lieder singt" führten. Sein Debüt hat schliesslich
Roots-Reggae in Deutschland einer neuen, gerade noch heranwachsenden
Klientel nahegebracht. Da mag es passend erscheinen, dass der feine
Selector im Anschluss mit
ein seit Urzeiten funkelndes Beispiel von Hamburger "Roots
& Culture" gefunden hat.
Zum Schluß darf es noch etwas bizarrer werden. waren in der Prähistorie so etwas wie eine "Supergroup",
bestehend aus Mitgliedern die später in allen unmöglichen
Bands spielten, u.a. Goldene Zitronen und Die Sterne. In diesem
Beispiel klingen Die Stars wie eine Band, die zu viele Mitternachts-Filme
gesehen hat und einen unstillbaren Hunger
nach grossen Gesten verspürt - psychedelisch vermauschelt
mit dunklen Untertönen und viel Pathos. Eher dem Dada verschrieben,
darf sich dafür ,
der Mr.Hyde von DJ Koze, minimalistisch
durch "regelrechte Schweine-Reime" witzeln. Käme
dieser ultimativer Diss-Track einem Abschied vom HipHop gleich,
wäre der darauf folgende knapp 6minütige Posse-Track ein
Weckruf. Im Team mit Dendemann, Das Bo, Ferris, Falk, Samy Deluxe
und Illo 77 zähmen die ein Monster von Beat und läuten das Ende dieser
Compilation ein - wie heisst es hier nicht so schön: "ich
bin draussen - wie ein Milchzahn, wie ein Picknick, wie auf Bewährung,
wie Rabauke bei Fettes Brot, wie ein Blindarm, wie Mutter Natur,
wie ein Dixie-Klo - ich bin draussen, weil ich nicht weiss, was
ich hier allein soll."
Das sind schöne Schlussworte, und im Epilog verbreiten die
Neulinge aus Berlin noch
etwas märchenhaften Charme. So kann
es weitergehen: Raus, raus, raus. Auf die nächsten 15
Jahre - was zu beweisen wäre.
Lars Brinkmann Captions - Sinn & Unsinn
-Typo-Dekor & Textfutter für Andrea / Jutta / ...
(Zahlen dienen nur der Orientierung)
01 / "Buback, Buback,
Buhhhback"
02 / "I'm doin it."
03 / "Kill, kill,
kill."
04 / ???
05 / "Live und direkt
aus der Schanze." / "Zwei
1210er und n' Mischpult als Steuerknüpel."
06 / "Uh, oh yeah,
huhuhu, hey, hey, go, go, go." / "Netzpiloten,
Webmatrosen, Loftchaoten, solide Vollnarkosen." / "Ohhh,
yeah, yes, yes, yes,...
07 / "Die Sätze,
zu durchtrieben"
08 / "Ich scheiss
auf E-Commerce und digitale Bootlegs" /"Sag
es jetzt."
09 / "Ich machte
nur den Dicken."
10 / "Lebt der noch?"
/ "Auch wenn sie darauf scheissen."
11 / "Oh na-na-na,
yes yaw." / "Zart wie
Pudelfleisch."
12 / "Huhhh, no-no,
oh no." / "Sunlight in
your Hair."
13 / "Aaaaaaaaaaaaaaah"
14 / "Oh, what a
Reim." / "Meine Eltern
haben keine Ahnung von HipHop." / "Siehste."
15 / "Ich bin gerade
schiessen." / "Ich mach
mich mal locker." / "Schnellen
Sex für ein zwei Raps." / "Wen
kann ich noch kaputt machen?" / "Von
wegen Scratch-Beats faseln." / "Ihr
seid Schuld."
"Kennt ihr den schon?"
/ "Zu arm um Gesellschaft zu leisten."
/ "Ich bin Mongo und kein Model."
16 / "Let's get
it on."
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