Gestern erst habe ich Kindern erklärt, dass man Zeit nicht
erklären kann. Man kann höchstens erklären, was
Uhren sind. Dann habe ich die Kinder gefragt, ob sie schon mal
die Zeit in der Uhr gesehen haben. Ihre Antwort lautete: nein.
Darauf sagte ich: Ihr könnt die Uhren auseinandernehmen und
werdet die Zeit trotzdem nicht finden. Es gibt also einen Unterschied
zwischen Uhr und Zeit. Die Uhr ist ein menschengemachtes Messgerät,
mit dem man Ordnung schafft im Leben. Indem man festlegt, wann
geht die Schule los, für Kinder ganz wichtig, und wann hört
die Schule auf, noch wichtiger für Kinder. Letztlich aber
ist die Zeit selbst nichts anderes als ein Mittel, um Ordnung
zu schaffen.
(Karlheinz A. Geißler, Zeitforscher, in einem Interview mit
der Zeitschrift „brand eins“)
Die Drehzahlen der
Lebensstile steigen, nervöser Aktionismus
macht sich breit: Zeit ist Geld, angeblich. Frühling,
Sommer, Herbst und Winter finden trotzdem jedes Jahr statt.
Und BLAINBIETER
bedienen erst mal ganz sparsam ein paar Tasten ihres E-Pianos,
ungefähr so lange, wie durchschnittlich ein Radiohit
dauert; dann erst setzt das Schlagzeug ein.
Wem es an Geduld
für diese Band fehlt, der klinkt sich wahrscheinlich
sehr schnell aus. Wer aber bleibt, der schaut wahrscheinlich
sehr schnell nicht mehr auf die Uhr. Ich tue das nicht
mehr, seit Blainbieter
irgendwann mal eine kleine Hamburger Trinkhalle namens „Astra-Stube“,
tja, man muss wohl sagen: gerockt haben. Jetzt liegt das
Album auf dem Tisch, und alles ist wieder da: das Prinzip
der Wiederholung,
das Aufschichten der Klänge, das Variieren des Drucks,
die Spannung zwischen leicht und schwer, das Hinübergleiten
lieblicher Harmonien ins Unruhige – und diese Nähe,
die durch Langsamkeit erzeugt wird. Das Erstaunlichste
ist, mit welcher
Gelassenheit
sich Blainbieter treiben lassen. Im Kollektiv, kontrolliert,
aber ohne wissenschaftlich-wichtiges Getue.
Die Band: ENNO
RIETBROCK spielt Gitarre, TOBIAS VETHAKE Cello,
Lap-Steel, Gitarre und Mandoline, KOFI OHENE-DOKYI Schlagzeug,
DON FISCHER Rhodes und Orgel, DEIKI CARYDIS Bass
und Bouzouki. Ich kann weder etwas über ihre Schuhgrößen
sagen noch über andere wichtige persönliche Daten
oder Vorlieben (Ostfriesischer Tee? Unkrautbewuchs in Großstadthinterhöfen?
Sonic Youth?). Was ich weiß ist nur, dass sie in
Berlin wohnen, sich Ende der Neunziger zusammengefunden
haben, 2002 bereits eine
schöne EP bei Buback gemacht haben und nicht wissen,
wer die alte Frau auf dem Cover von „CLEANRIDE“ ist.
Die CD dauert übrigens 45 Minuten und 37 Sekunden.
-Jan
Möller-
Tracks: 01 Janboy
/ 02 Clean Ride / 03 Bob up / 04 Tremor / 05 Good old
schmuh / 06 Hi-fi-fi / 07 Blake to hell /
08 Slidin n
glidin |