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Dexys

„Always alone, at home or in a crowd, a single man off on his private cloud, 'cause in a world that few men understand, I am what I am, the single man.“ (Frank Sinatra / Rod McKuen 1969)
„I'm gonna be the man I'm meant to be. tolerating misery that is not for me. I am a man that must be free“ (Kevin Rowland 2012) Mai 2009.

Ein bewegender Moment in der Brixton Academy bei einem der Comeback-Konzerte von The Specials: im Vorprogramm feuert der DJ mod classics ab. Die Menge kommt per Blitzstart auf Temperatur als The Jam's "A Town Called Malice" läuft, eine Eruption wie in der BVB-Nordwand schwillt an und als dann die Einleitung von Dexys erstem Nummer 1-Hit "Geno" durch den Saal peitscht, skandieren unisono 5000 immergrüne rude boys und suedeheads „Geno! GENO!! GEEENOOOO!!!“ Für 3:30min rauscht ein soul train durch Goosebumpville. Diktatoren und Erlöser von morgen, löscht eure power point-Präsentationen!

Direkt im Anschluss geht überall Debatte los. Quintessenz des Palavers, ausgesprochen von der flauschigsten Glatze des Abends: "Ich wünschte, Kevin würde die alte Gang wieder zusammentrommeln". An jedem der fünf ausverkauften Abende wiederholt sich dieses Szenario. Der verlorene Sohn muss es bis in sein Londoner Wohnzimmer gehört haben. Denn beinahe auf den Tag genau drei Jahre später ist es Wirklichkeit geworden: Dexys sind hier! 

Dexy's Midnight Runners sind jetzt einfach DEXYS. Denn Kevin Rowland läuft nicht mehr um Mitternacht durch die Straßen einer Stadt und sucht Zuspruch an all den falschen Plätzen. „There’s something wrong with me, I shall not let the world see.“ Es schlug ein flimmerndes Herz in der Brust dieses top old soul boys. Ferndiagnose: Holiday Heartbreak. Fast drei Jahrzehnte wanderte Rowland damit durch die Wildernis, der Mann, der es immer so himmelhochjauchzend übertrieb mit dem leidenschaftlichen Gegendiewandlaufen.

Er spazierte von Anfang an durch böswillige Blätter-Wälder – schon ganz früh schaltete er ganzseitige Anzeigen in der UK Presse, damit seine „ehrlichen“ Gedanken ungefiltert durchkamen, statt schnöde Interviews zu geben und missgedeutet zu werden. Der jugendliche Rebell verstand noch nicht, dass nur der Zuhörer den Inhalt einer Aussage entscheidet, nicht der Sänger. Dann schoss „Come On Eileen“ als seine erste und einzige weltweite Nummer 1 zur Sonne und alle weiteren Pfeile landeten bloß noch auf dem Mond, den er fortan unaufhörlich anheulte. Rowland wurde bitter. Er verlor sich in den dunklen Nächten der Seele, durchkämmte einsam Koka-Plantagen, brach mit besten Freunden, einschließlich jenen, die ihn überhaupt erst auf den Olymp geführt hatten.

1999 setzte er aus dem Nichts zu einem der irrsten, übersprunghaften punk moves der Pop-Geschichte an, als er sich vor der Welt auf dem Cover zu seinem 2. Solo-Album "My Beauty" (auf Creation Records) als cross gender peacock in Satin, Seide und Spitzenunterwäsche ausstellte und dafür beim Reading Rock Festival mit Bierdosen gesteinigt wurde. Wie gediegen wirkt dagegen – aus dem historischen Kontext gerissen – der rustikale Landstraßenlümmel-Style von "Too-Rye-Ay", oder die super-smarte Ivy League-Ausstattung zu "Don't Stand Me Down", dem sagenhaften, aber seinerzeit verkannten 3. Dexys-Album von 1985.

The Look war ihm immer ebenso wichtig wie sein Sound, seine Songs, seine Haltung, ... am Ende, unbewusst: sein Scheitern. Und nun kriegt dieser flammende Speer über labyrinthische Umwege so was wie eine Kurve, und Rowland gesteht: "I know about controlling people, I know about using people, but I'm not gonna do it anymore". Nach dem „My Beauty“-Fiasko kroch er zu Kreuze, versöhnte er sich, wo es noch ging, mit den ältesten Dexys-Buddies Jim Paterson und Pete Williams und fand 2003 endlich, endlich in Mick Talbot den super sidekick, der schon einmal für Paul Weller "the best thing that ever happened" war (vgl. The Style Council).

Seither hat Rowland die Selbstzerstörungs-Maschine vom Netz genommen und sein wild flackerndes Emotion-Gewitter gegen einen fokussierten Laserpointer eingetauscht. „Mein Perfektionismus ist intakt, bloß dass ich dieser Tage nicht mehr fluchend aus dem Zimmer stürme und Leute beleidige.“ (ggü. BBC 6). Heutzutage dreht er die Manuskriptseiten solange um, bis jedes überflüssige Gramm Zynismus herausgesiebt ist. Diese Essenz destilliert der große Empath Talbot dann zu einem gereiften Dexys-Flavor, einem deepen Soul Sound, der so zuletzt auf der Al Green/Willie Mitchell-Universität in Memphis in den Jahrgängen 1972 - 1978 gepflegt wurde.

Und nur damit klar ist in welcher Liga hier gespielt wird: zwei epochale egozentrische Pop-Standardwerke inspirieren/informieren dieses große, nach 27 Jahren erst 4. Dexys-Album: Frank Sinatras "A Man Alone" – ein Song-Zyklus über den prototypischen space age-Einzelgänger der späten 60er (verfasst von Rod McKuen) - und Marvin Gayes schonungsloses, dramatisches Scheidungs-Logbuch "Here, My Dear" von 1978 sind die stepping stones für "One Day I’m Going To Soar".

Musik über den ungelösten Widerspruch von L.O.V.E. und Happiness – gelebt, erlitten, betrachtet und schließlich: transzendiert vom vormals größten Übertreiber des Soul: Kevin Rowland. Zu guter Letzt spricht er gelassen aus, was ihm schon schwant, seit er das erste Mal ein hübsches Mädchen anbetete (vgl. auch die erste Single „She’s Got A Wiggle“) und spontan an Heirat dachte, an Ewigkeit, an Erlösung durch die Andere: „I won't say these three words anymore.“

Viele von uns bemühen sich um die Erhaltung der Art, manche noch on top um deren Erhöhung. Rowland begnügt sich nach Jahrzehnten der Selbstkasteiung exklusiv mit Plan B und hat damit endlich seinen Frieden gemacht: "I can't be what anybody wants me to be ... It's not the end of the world. It's okay to be alone."

Kevin Rowland hat sich also nichts weniger als ein Evangelium seiner erhabenen Unverbindlichkeit zurechtgemeißelt. Er brauchte einen langen Anlauf für den Sprung heraus aus dem Irr-Glauben, dass die gängigen Ideale von Liebe und Heimat für ihn, den haltlosen Wanderer zwischen den Welten, erreichbar seien. Als Ire in England („take your Irish stereotype and shove it up your arse.“) und hardcore Romantiker in einer schnöden Realität bleibt er nur flüchtiger Tourist, Besucher, Nomade. Wo also ist zuhause, Kevin? "Nowhere is home to me" singt er heute ohne Bedauern in einem der zentralen Songs auf „One Day I’m Going To Soar“. Es hört sich wie die große Freiheit an: frei von dem Wunsch, frei zu sein.

André Luth

 

Dexys: One Day I'm Going To Soar

VÖ: 15.06.2012

Dexys - One Day I'm Going To Soar